Edith-Stein-Relief

Edith Stein - Gedankenfragmente des Künstlers

zu einem biografischen Porträt für Edith Stein 1891-1942

„Das WAS bedenke, mehr bedenke WIE.“ J.W. von Goethe

 

Zwei Gestaltungsaufgaben: Wie können die unterschiedlichen Lebensabschnitte von Edith Stein bildhaft/ablesbar gestaltet werden?

Wie können die zeitlich auseinander liegenden Abbildungen von Edith Stein zu einem synoptischen Porträt zusammengefasst werden?

 

DIE LESBARE INFORMATION

An der Basis befindet sich eine Schriftzeile: Ihr Geburtstag - die MENORA als Symbol für ihre jüdische Jugend – zwischen ihrem Vor- und Nachnamen (in der <Mitte> ihres Lebens): das CHRISTLICHE KREUZ – als Symbol für ihre Konversion zum katholischen Glauben sowie ihr Name Teresa Benedicta vom Kreuz als Karmelitin. Vor Ihrem Todestag der JUDENSTERN als Hinweis auf ihre Ermordung im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch das nationalsozialistische Regime.

 

DIE UMSETZUNG INS BILDHAFTE

Edith Stein ist im Habit der Unbeschuhten Karmelitinnen abgebildet/gestaltet.

„Ein gestaltetes Porträt ist nicht nur die Abbildung einer Person, sondern zugleich ein kreatives Gebilde.“ Edith Stein hatte gegensätzliche Gesichter des Lebens erfahren: auf der einen Seite die in sich ruhende, in der Geborgenheit eines Karmels lebende und liebende Ordens- schwester - auf der anderen Seite ein enttäuschendes Ende ihrer wissenschaftlichen Laufbahn als junge, talentierte Philosophin: 4 Versuche zur Habilitation wurden von den beHERRschten Universitäten abgelehnt, weil sie eine Frau war . . . und weil sie eine gebürtige Jüdin war, wurde sie verfolgt und in Auschwitz ermordet.

 

 

DIE GESTALTUNG

Eingebunden im Habit einer Karmelitin sind zwei unterschiedlich gestaltete Gesichtshälften erkennbar: ihre rechte, größere Seite erscheint mit einem liebevollen, nach Innen gekehrten Blick, in ihrer linken, abgewendeten Seite taucht ein zweifelhafter, beobachtender Blick auf. Im Kopftuch sind die Gewandfalten nicht nur gefällig drapiert: auf der linken, faltenreichen Reliefseite kann ein schmerzverzerrtes Gesicht im Kopftuch gesehen werden – die rechte, faltenarme Seite des Reliefs kann auch als Metapher ihres abrupten Lebensendes gesehen werden. Die Bruchkanten links und rechts an der Basis können symbolisch als Lebensbrüche stehen: das bärtige Gesicht am linken Anfang des Reliefs

(nur von der Seite zu sehen) hat offensichtlich auch eine rätselhafte Bedeutung . . . „Es kommt nicht darauf an, was uns der Künstler mit seinem Werk sagen will, sondern was er in einem kreativen Betrachter mit seiner Gestaltung bewegen kann.“

 

Text: Heiko Prodlik-Olbrich

Fotos: Claus Timmermann

 

Edith Stein Vortrag

14. August 2016, Pfarrfest Maria Frieden, Göttingen

Es ist schön, dass wieder eine Göttinger Pfarrei ein Denkmal für Edith Stein einweiht - hier ein besonders ansprechendes - denn sie war mit Göttingen lange Zeit verbunden und hat diese Stadt und die Menschen, die sie hier kennenlernte, sehr geliebt. Ihre Lebensbeschreibung finden sie in ihrem Gotteslob, Anhang für Norddeutschland, unter ihrem Festtag, 9. August. Darum möchte ich zeigen, warum sie hier, ganz in unserer Nähe, präsent ist, und etwas von ihr mit auf den Weg geben, das vielleicht zeigt, was sie als Heilige für uns bedeuten kann.

Edith Stein wurde 1891 - vor 125 Jahre - in einer jüdischen Familie in Breslau (jetzt Wrozlaw) als jüngste von sieben Kindern geboren. Mit dreizehn verließ Edith die Schule und zog für ein Jahr nach Hamburg zu einer älteren Schwester und ihrer Familie. In dieser Zeit, so schreibt sie, hatte sie sich „das Beten ganz bewusst und aus freien Stücken abgewöhnt.“

Nach vier Semestern Universitätsstudium in Breslau wechselte sie 1913 nach Göttingen, um Professor Edmund Husserl kennenzulernen und seine Philosophie zu studieren. Husserls besondere Methode, Phänomenologie, bestand darin, alles vorurteilsfrei zu betrachten, ob ein Gegenstand, wie einen Tisch, oder etwas Abstraktes, selbst die Religion, und Religion war auch ein Objekt des Studiums. Außerdem lernte sie hier überzeugte Christen kennen, die ihr den Weg zum Glauben bahnten. Unter ihnen Husserls Assistent Adolf Reinach und seine Frau Anne. Reinachs Wohnung, wo er auch seine Seminare hielt, war Am Steinsgraben 28.

Edith selbst lebte an mehreren Stellen in Göttingen. Zuerst war sie in der Langen Geismarstraße 2, wo eine Tafel an sie erinnert, dann in Schillerstr. 32, und schließlich in der Wohnung eines Vetters, Richard Courant, in Schillerstr. 42, während er an der Front war.

Während des 1. Weltkriegs diente Edith eine Zeit als Krankenschwesterhilfe in einem Lazarett in Mähren (jetzt Tschechische Republik). Zurück in Göttingen, bestand sie im Dezember 1915 ihr Staatsexamen (sie brauchte einen „Brotberuf“ als Lehrerin). Dann zog sie weiter nach Freiburg, weil ihr Professor jetzt dort war. Im August 1916 promovierte sie zum Doktor der Philosophie an der Universität Freiburg.

Ediths Lehrer Adolf Reinach hatte sich gleich nach dem Ausbruch des Krieges mit großem Patriotismus zum Dienst gemeldet; die meisten ihrer Kommilitonen waren ebenfalls an der Front. Edith hatte Reinach im Dezember 1915 zum letzten Mal gesehen. Er und seine Frau, wie Edith aus jüdischen Familien, hatten sich im Frühjahr 1915 in der Albanikirche protestantisch taufen lassen. Die Nachricht seines Todes in Flandern im November 1916 traf sie als großer Schock. Professor Husserl bat sie von Freiburg aus nach Göttingen zu reisen, um der Witwe im Namen der Philosophen zu kondolieren.

Edith erwartete, dass sie Frau Reinach völlig von ihrem Schmerz überwältigt vorfinden würde. Stattdessen war sie es, die Edith kondolierte, indem sie sagte, sie versuche ihr Leid zu tragen, „im Hinblick auf das Kreuz“. Dies öffnete Edith eine neue Sicht auf das Christentum und bahnte den Weg für ihre spätere Konversion.

Eigentlich wollte Edith Stein auch Professor werden, wie die meisten ihrer männlichen Kollegen, aber der Weg war blockiert. Die Universität Göttingen lehnte sie ab, weil sie eine Frau war. Edith ließ das nicht gelten. Sie schrieb an das preussische Kulturministerium und bewirkte einen Erlass, dass Frauen grundsätzlich auch Professoren sein können. Andere Frauen haben davon profitiert, sie aber nicht.

Die Aufgabe dieses Ziels, dazu Deutschlands Verlust des 1. Weltkriegs, der Tod von Reinach und anderen, auch Enttäuschungen in der Liebe, --alles zwang sie ihr Leben zu überdenken.

Bei einem letzten Besuch in Göttingen im Mai 1921 war Edith bei ihrem Vetter Richard Courant, jetzt ein bekannter Mathematiker, Am Weißen Steine 5. Bei Anne Reinach wählte sie ein Buch zum Mitnehmen auf ihrer Reise nach Süddeutschland.

Es war die Autobiographie der Heiligen Teresa von Avila. Als sie das Buch zu Ende las, beschloss sie, Katholisch zu werden. Sie wurde am 1. Januar 1922 in Bergzabern in der Pfalz getauft und am 2. Februar in der Bischofskapelle in Speyer gefirmt.

Sie wollte gleich nach der Taufe in den Orden der Hl. Teresa von Avila, die Karmelitinnen, eintreten. Ihre Mutter aber hatte die Entscheidung zur Taufe überhaupt nicht verstanden, und Edith fürchtete, dass Enttäuschung und Bitterkeit ihr Verhältnis zerstören würde. Außerdem waren ihre geistlichen Berater gegen einen Klostereintritt - sie sollte erst ihre Fähigkeiten in die Welt einbringen, was sie auch tat.

Edith Stein lehrte jahrelang in einer Mädchenschule und Lehrerinnenbildungsanstalt von den Dominikanerinnen in Speyer. Sie begann bald eine Vortragstätigkeit, vor allem vor katholischen Lehrerinnen, und wurde auch durch ihre Schriften bekannt. 1932 übernahm sie eine Stelle als Dozentin an der Universität Münster. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 musste Edith Stein ihre Lehrveranstaltungen absagen. Obwohl man sie tröstete, dass die Nazis und ihre antijüdischen Maßnahmen nur von kurzer Dauer sein werden, sah sie die Lage klarer. Sie beschloss, ihren alten Wunsch zu verwirklichen und in das Karmel Maria vom Frieden in Köln einzutreten, wo sie im Oktober 1933 aufgenommen wurde. Jetzt nannte sie sich Teresia Benedicta vom Kreuz. Trotz der strengen Regeln - Klausur, Schweigen, häufige Gebetszeiten - konnte sie dort ihre wissenschaftliche Arbeit weiterführen. Aus dieser Zeit stammen auch Gebete und Aufsätze mit tiefem spirituellem Inhalt.

Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938, traf das Kloster Maßnahmen, um Edith zu schützen. Sie zog in der Silvesternacht 1938/39 nach Echt in den Niederlanden, wo sie in ein Kloster der Karmelitinnen Aufnahme fand. Im Mai 1940 besetzten die Deutschen die Niederlanden. Sie und ihre Schwester Rosa, die in dem Kloster Zuflucht gefunden hatte, wurden gezwungen, sich bei der Gestapo zu melden und den Judenstern - auch an Ediths Habit - zu tragen.

Anfang 1942 verschärften die Besatzer die Maßnahmen gegen Juden. Obwohl getaufte, also katholische und protestantische, Juden von den Verhaftungen und Deportationen noch nicht betroffen waren, beschlossen die christlichen Kirchen der Niederlande einen gemeinsamen Protestbrief an die deutschen Besatzer zu richten. Dieser Brief wurde am Sonntag, den 26. Juli 1942, in allen Katholischen Kirchen vorgelesen. Die Reaktion der Machthaber folgte am 30. Juli, „da die katholischen Bischöfe sich…in die Angelegenheit eingemischt haben, werden nunmehr die sämtlichen katholischen Juden noch in dieser Woche abgeschoben.“ Am 2. August wurden dreißig katholische Juden, viele von ihnen deutsche Flüchtlinge und Ordensleute, festgenommen, darunter Sr. Teresia Benedicta vom Kreuz und ihre Schwester Rosa. Im Lager hatten sie kurz noch Kontakt nach Außen, dann, am 7. August wurden diese Inhaftierten mit anderen Juden in verriegelten Eisenbahnwaggons abtransportiert. Am 9. August 1942 kamen sie in Auschwitz-Birkenau an. Die Katholiken unter ihnen wurden sofort in der Gaskammer umgebracht. Es war ein bewusster Racheakt gegen den Protest der niederländischen Bischöfe.

In ihrem Testament zwei Jahre vor ihrem Tod schrieb Edith Stein:

Ich bitte den Herrn, dass Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu Seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen der heiligsten Herzen Jesu und Mariä und der Heiligen Kirche…, zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes und damit der Herr von den Seinen aufgenommen werde und Sein Reich komme in Herrlichkeit, für die Rettung Deutschlands und den Frieden der Welt, schließlich für meine Angehörigen, Lebende und Tote, und alle, die Gott mir gegeben hat: dass keines von ihnen verloren gehe.

Edith Stein war Ordensfrau und Märtyrerin. Sie schrieb viele Briefe und Aufsätze über Philosophie, Pädagogik und Spiritualität. Ihre Werke füllen mehr als siebenundzwanzig Bände. Sie war aber auch Teil einer großen Familie, Studentin und berufstätige Frau - fast elf Jahre. Zu einer Zeit als sie vielbeschäftigte Lehrerin und Referentin war, gab sie diesen Rat, der, denke ich, auch für uns geeignet ist:

„Wenn wir morgens erwachen, wollen sich schon die Pflichten und Sorgen des Tages um uns drängen (falls sie nicht schon die Nachtruhe vertrieben haben)....Man möchte gehetzt auffahren und losstürmen. Da heißt es, die Zügel in die Hand nehmen und sagen: Gemach! Vor allem darf jetzt nichts an mich heran. Meine erste Morgenstunde gehört dem Herrn.

Das Tagewerk, das Er mir aufträgt, das will ich in Angriff nehmen und Er wird mir die Kraft geben, es zu vollbringen…. Und was ich nach stiller Zwiesprache als nächste Aufgabe vor mir sehe, daran werde ich gehen.

Und wenn im Laufe des Tages, im Beruf, in der Familie, der Stress noch steigt?

...dann wenigstens innerlich für einen Augenblick sich gegen alles andere abschließen und zum Herrn flüchten….

Und wenn die Nacht kommt und der Rückblick zeigt, dass alles Stückwerk war und vieles ungetan geblieben ist, was man vorhatte,…dann alles nehmen, wie es ist, es in Gottes Hände legen und ihm überlassen. So wird man in Ihm ruhen können, wirklich ruhen und den neuen Tag wie ein neues Leben beginnen.“

[leicht verändert] Mary Heidhues

Edith Stein wurde 1987 selig- und 1998 heiliggesprochen.

 

Was Edith ihren Göttinger Studienfreunden bedeutete, und wie sie bis zu ihrem Tod mit ihnen verbunden war, zeigt ein Brief von einem Mitstudierenden, Fritz Kaufmann, ein Göttinger Philosoph, der in USA Professor wurde und im September 1945 schrieb:

Ich bin untröstlich über Edith Steins Tod, obwohl ich immer noch hoffe – vielleicht gegen alle Hoffnung –, dass die Nachricht sich als irrig erweist. Mit Hans Lipps und mit ihr sind meine besten Göttinger Freunde dahin, und das Leben erscheint so viel ärmer. Es ist, als ob die Tür zu einem geliebten Zimmer der Vergangenheit endgültig ins Schloss gefallen sei. Sie können sich kaum vorstellen, was mir Edith Stein bedeutet hat während des Ersten Weltkrieges; sie tat alles, um mich innerlich am Leben zu erhalten und berichtete mir alles von den geistigen Ereignissen in und außerhalb unserer Bewegung. Sie war der gute Geist in unserem Kreis und sorgte für alle und alles mit wahrer schwesterlicher Liebe….Als ich mit ihr zum letzten Mal im Kölner Karmel sprach – ein Gitter zwischen ihrem und meinem Raum – hat die Abenddämmerung sie vor meinen Augen fast verschwinden lassen: Ich empfand, dass ich sie nicht wiedersehen würde. Aber wer hätte gedacht, dass diese Bestien in ihrer Grausamkeit nicht einmal vor den Toren eines Klosters Halt machen würden und dass sie sterben müsste, wie es wohl geschehen ist? Sie wurde Karmelitin wegen ihrer besonderen Verehrung für Santa Teresa, aber auch, weil sie in dieser asketischen Gemeinschaft ihr Leben und ihre Gebete opfern wollte zur Rettung der Menschheit. Hat sie Erfolg gehabt, nach all dem, bei dieser höchsten Aufgabe?

 

Enthüllung und Weihung des Edith-Stein-Reliefs

Im Rahmen unseres Pfarrfamilienfestes am Sonntag, den 14. August 2016 wurde im Innenhof unseres Pfarrheims das Relief zur Ehren von Edith Stein durch unseren Pfarrer Georg Vetter geweiht und der Gemeinde übergeben.  

Nach der Segnung hielt Frau Dr. Mary Heidhues einen kurzen Vortrag über das Leben und Wirken von Edith Stein. Danach sprach der Künstler des Reliefs, Herr Heiko Prodlik-Olbrich, über seine Gedanken beim Erstellen dieses Portraits sowie über Möglichkeiten zur Interpretation (z.B. unterschiedliche Augenausdrücke).  

 

Gebet

Du bist gleich einem Turme, den nie der Feind bezwang.
Ich weiche keinem Sturme, bei dir ist mir nicht bang.
In deinem Zelt bewahren willst du mich immerdar.
Mich hütet vor Gefahren dein schirmend’ Flügelpaar.  

Mein Bitten hast erhöret, mein Gott, in Gnaden du.
Wer deinen Namen ehret, dem fällt dein Erbe zu.
So schenke langes Leben dem, der sich dir geweiht;
wollst Jahr um Jahr ihm geben, ihn segnen allezeit.  


(Edith Stein zugeschrieben; Strophen 2 und 3 im „Gotteslob“ Nr. 439)

Herr Heiko Prodlik-Olbrich und das Edith-Stein-Relief

Das neue Edith-Stein-Relief im Innenhof unseres Pfarrheims

Frau Dr. Heidhues referiert im vollbesetzten Agaperaum über Edith Stein

v.l.: Herr Kohlrautz, Herr Prodlik-Olbrich, Frau Dr. Heidhues, Herr Willen und Herr Schwerdtle