Orientalist und Islamwissenschaftler Professor Tilman Nagel trägt in Maria Frieden vor.

Am 28.02.2018 durften wir den Göttinger Hochschulprofessor Tilman Nagel zu einem Vortrag in unserer Gemeinde begrüßen. Der große Gemeinderaum war mit circa einhundert Gemeindemitgliedern und Gästen gut belegt und auch in unserem Agaperaum konnten weitere Besucher den Vortrag dank Video und Tonübertragung verfolgen.

 

Pünktlich mit dem Glockenschlag um 12:00 Uhr fasste unser Pfarrgemeinderatsmitglied Andreas Spata in einem Vorwort das wissenschaftliche Lebenswerk Professor Nagels zusammen.

Tilman Nagel studierte in Bonn Islamwissenschaft, vergleichende Religionswissenschaft und Zentralasienkunde. Nach der Promotion 1967 zum Doktor habilitierte er 1971 zum Professor. Nach der Habilitation war er bis 1981 am Seminar für orientalistische Sprachen und Arabistik in Bonn tätig. Von 1981 bis 2007 lehrte und forschte er als Professor für Arabistik und Islamwissenschaft hier in Göttingen. Seit dem Sommersemester 2007 hält er eine ruhende Professur am Seminar für Arabistik. Tilman Nagel hat viele wichtige Standardwerke der Islamwissenschaft verfasst, darunter „Eine Einführung in den Koran“, “Eine Geschichte in die Einführung der Islamischen Theologie“ und eine umfassende Biografie Mohammeds. Sein letztes, 2014 veröffentlichtes Buch trägt den Titel: „Angst vor Allah?“

Nach der Begrüßung begann der Vortrag mit dem Titel „Nüchterne Blicke auf den Islam“. Schon zu Beginn zog Professor Nagel die Zuschauer in seinen Bann mit der Frage: „Was ist der Islam?“ Meist wird einer konkreten Antwort auf diese Frage ausgewichen. Will man als Wissenschaftler diese Frage richtig beantworten, nutzt man selbstverständlich die zu Grunde liegenden Quellen des Korans. Die verschiedenen, später entstandenen islamischen Glaubensrichtungen weichen nicht von den koranischen Grundlagen ab.

Sein Vortrag teilte sich in vier Abschnitte: 1. Der Begriff „Islam“, 2. Die Daseinsordnung, 3. Die Herkunft des Unislamischen, 4. Die beste Gemeinschaft und ihre ständige endogene Radikalisierung.

Erstens:
Was bedeutet das Wort Islam? Neben dem schon bekannten und häufig verwendeten nicht völlig falschem Begriff von Unterwerfung bedeutet Islam im arabischen Sprachgebrauch die Zusammensetzung eines Verbes (vollständig weggeben) und eines Nomens(Gesicht), dass man mit „Vollständiges Weggeben des eigenen Gesichts“übersetzen kann. Man wendet sein Gesicht vollständig Allah zu. Dieses Weggeben seines eigenen Ichs heisst Islam. Im Koran wird das in Sure 4, Vers 125 beschrieben.

Gemäß Allahs Willen wandelt der Gläubige ständig hingewandt auf der ewig andauernden und niemals stillstehenden Schöpfung Allahs. Im Gegensatz zur christlichen Glaubensüberlieferung beendet Allah die Schöpfung niemals, sondern er ist immerfort erschaffend tätig. Nach dem Glauben der Christen beendete Gott jedoch sein Schöpfungswerk nach 6 Tagen und ruhte am 7. Tag. So gestand der Gott der Christen seiner Schöpfung ein gewisses Maß an Selbstständigkeit zu. Da Allah immerwährend alles neu erschafft, gibt es keine größere Verfehlung, als dass der Mensch eigenständig etwas Neues schafft und es zu einer „Beigesellung“ kommt. Damit es nicht zu einer „Beigesellung“ kommt, hat Allah den Muslimen den Vollzug der Riten vorgeschrieben. Das tägliche fünfmalige rituelle Gebet soll den Muslim am Islam festhalten.

Zweitens:
Die Daseinsordnung. Der mit dem arabischen Wort din gemeinte Begriff Daseinsordnung umfasst den Glauben, dass der Muslim schon bei der Zeugung von Allah geschaffen wurde. Da Allah fortwährend immer das Neue erschafft, der besten der denkbaren Welt. Ganz anders dagegen der Christ, der nicht bereits mit der Geburt, sondern erst mit der Taufe in die Gemeinde Christi aufgenommen wird. Da Allah am Ende über alle Menschen zu Gericht sitzen und sie Himmel oder Hölle zuweisen wird, wird sich jeder Mensch daran messen lassen müssen, ob er sich vorbehaltlos zu ihm (Allah) hingewandt hat. Wer das Gesicht zu Allah wendet und dabei recht handelt, ist im Besitz der besten Daseinsordnung. Recht handeln meint nach Ansicht der meisten muslimischen Kommentatoren nicht etwa eine an ethische Maßstäbe orientierte Bewältigung des irdischen Lebens, sondern den pünktlichen und fehlerfreien Ritenvollzug. Das Regelwerk, dessen Beachtung diesen heilserfüllenden Zustand des Muslim gewährleistet, heißt din, ein Begriff der irreführend mit Religion wiedergegeben wird.

Die Konkretisierung der Daseinsordnung nennt man Scharia, ein Begriff den Mohammed in der Bedeutung noch nicht kannte. Die Scharia wird erst vierhundert Jahre später voll ausgebildet sein und umfasst das Ritualrecht, das Vertragsrecht, das die zwischenmenschlichen Beziehungen regelt und erst ab dem 11.Jahrhundert auch die Höflichkeit gegen Allah, allgemeine Sitten und das Reden und Denken.

Bleibt man bei dem Begriff Din für Daseinsordnung, konkretisiert Allah, was er für seine Gläubigen damit meint. Der Thronvers, der hier nur verkürzt zitiert ist, beginnt bekanntlich mit „Es gibt keinen Gott außer Allah....“ . In dieser Daseinsordnung gibt es kein Zwingen, weil sie vollkommen auf Allahs fortwährende Schöpfung ausgerichtet ist. Auch Juden und Christen wurde einst, laut Koran, die wahre Daseinsordnung durch Allah verkündet. Doch sie verfälschten sie, indem sie sie durch Erschwernisse ergänzt haben, die Allah nicht wünschte. Mohammed befreite die Juden von den komplizierten Speisegeboten und die Christen vom Mönchtum. In beiden Religionen werden die Gelehrten und Mönche so sehr verehrt, dass der Islam die ausschließliche Hingewandtheit zu Allah, in Frage gestellt hat. Und in Isa (Jesus) gesellten sie zu Allah gar einen weiteren Gott den sie verehren. Wie konnte diese Beigesellung, die Allah verabscheute, zustande kommen, wo doch jeder von Allah geschaffene Mensch als Muslim geboren wird? Es sind die Eltern oder andere schlechte Einflüsse, die das Kind aus der wahren Daseinsordnung herausreißen und dadurch sein Menschentum verunstalten.

Drittens:
Der Ursprung des Unislamischen Da das gesamte Leben durch Allah vorbestimmt ist, gibt es keine Befreiung, Erlösung oder anders gearteten an den Gläubigen auszuteilenden Gnadenschatz. Wie erklärt nun der Koran das unislamische? Als Allah Adam aus Lehm schuf, befahl er allen Engeln sich niederzuknien, nur der Teufel blieb stehen. Er erklärte Allah, dass Adam nur aus Lehm, er aber aus Feuer erschaffen war. Allah verwies ihn des Paradieses, erlaubte ihm aber, die Menschen nun zum Ungehorsam verführen zu dürfen. Da die gesamte Daseinsordnung von Allah erschaffen ist, musste Allah auch die Herkunft des Teufels erklären. Denn die Bestimmungen der Daseinsordnung können nicht durch den Verstand des Menschen ergründet, verändert, ergänzt oder verworfen werden. Dies alles findet man auch im Zitat: „die Gesetze und Lebensregeln eines nichtislamischen Staates durch Muslime allenfalls vorübergehend befolgt werden, nicht aber anerkannt werden können“ (Rektor der Al Azhar Hochschule vor Bundestagsabgeordneten, Berlin 2016).

Viertens:
Die beste Gemeinschaft und ihre endogene Radikalisierung. Bei Sure 4 Vers 25 erfahren wir, dass am Tage des letzten Gerichts zwar jeder Mensch allein vor Gott treten müsse, aber die Gemeinschaft der wahren Gläubigen Mohammed als Fürsprecher für seine Anhänger einsetzen darf. Auch sind Recht und Ethik nicht in Kraft, wenn es um das Verhalten gegenüber Mitgliedern fremder Stämme ging. Diese islamische Kultgemeinschaft hat die ihr spezifische, durch Allah gestiftete Sittlichkeit, die gegenüber den anderen Mitgliedern anderer Kultgemeinschaften, etwa den Juden oder Christen, kein Verhältnis von gleich zu gleich duldet.

Alles was über die Daseinsordnung beschrieben wurde, bezieht sich nicht auf das Individuum, sondern ist stets auf die Gemeinschaft bezogen. Mit dem Auszug der Kultgemeinde aus Medina nach Mekka konstituiert sich die Kampfgemeinschaft. Ab diesem Zeitpunkt der Hedschra (622) unterstellt sich die Kultgemeinde vorbehaltlos dem Befehl Mohammeds, der mit dem Ziel der Herrschaft „Allahs und seines Gesandten“ Krieg führt. Aus der Kultgemeinschaft wird so die Gemeinschaft der „wahren“ kampfbereiten Gläubigen (Sure 73, Vers 20).

Mohammed rühmt seine Anhängerschaft in Sure 3 Vers 110:“Ihr seid die beste Gemeinschaft (Umma), die für die Menschen gestiftet wurde. Ihr gebietet was Recht ist und verbietet das Verwerfliche“- Ihr seid mithin im Besitz der wahren Daseinsordnung - „und glaubt an Allah. Wenn die Schriftbesitzer in den Glauben einträten, wäre es besser für sie. Es gibt zwar einige Gläubige unter ihnen, die meisten aber sind Frevler“

Zusammenfassend kann man, laut Professor Nagel, die Frage: Was ist der Islam? folgendermaßen beantworten: „Er ist eine Religion, die das Diesseits als das fortwährend geschaffen werdende Werk einer einzigen, allmächtigen Gottheit ansieht. Grundsätzlich sind alle Menschen zur Verehrung dieser Gottheit verpflichtet. Dies geschieht vor allem durch Ritenvollzug, der der Kern der dem Menschen von Allah auferlegten Daseinsordnung ist. Im Idealfall ist das gesamte Dasein als Gottverehrung zu gestalten bzw. als Knechtsein vor Allah, wie man im schariatischen Kontext unter Verwendung derselben Wortwurzel sagt. Wie dies zu bewerkstelligen ist, kann man einem uferlosen Schrifttum entnehmen, dessen fiktiver Gewährsmann meistens oft Mohammed ist. Er ist das Vorbild schlechthin, auch für die sogenannte Höflichkeit gegen Allah, die in vielen bisweilen bizarr anmutenden Ausweitungen vom Sufismus gepflegt wird. Wir beginnen, so hoffe ich zu ahnen, was mit der zweifachen Bezeugungsformel des Islam gemeint ist: „Es gibt keinen Gott außer Allah. Mohammed ist der Gesandte und der Knecht Allahs.“

Hier beende ich die Rekapitulation des Vortrages, den Sie auch dem Manuskript entnehmen können, das im Pfarramt zu bekommen ist. Im Anschluss wurden viele Fragen gestellt, unter anderem zum Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide oder der Berliner Imamin Seyran Ates. Beide sind Vertreter einer gemäßigten, in arabischen Ländern jedoch nicht vertretbaren, Auslegung des Koran. Auch auf die Stellung der Frau und den von Basam Tibi geprägten Euroislam wurde eingegangen. Sehr gelobt wurde von den Zuhörern der sachliche Umgang mit dem spannungsgeladenen Thema. Herr Nagel erklärte, dass dies für Wissenschaftler eine typische Herangehensweise sein sollte und eigentlich nichts Besonderes ist.

 

Nach Beendigung des Vortrages und der Fragerunde gab es im Kirchenkaffee für Interessierte noch Gelegenheit zum Austausch mit Herrn Professor Nagel.

Dieser bedankte sich ausdrücklich für die freundliche und gastliche Aufnahme und erklärte, dass er sich bei uns „ausgesprochen wohl gefühlt" habe.
Andreas Spata
Pfarrgemeinderat